Lou schreibt über…Teil 6

Nachdem ich anfangs ein schlechtes Gewissen wegen Tom und mir hatte, verflog dieses aber recht schnell wieder.

In dieser kritischen Woche mit meinem großen Kind, habe ich kein Wort mit Tom sprechen können. Es herrschte absolute Funkstille. Wir waren uns viel zu schnell, viel zu dicht gekommen. Wir waren völlig angespannt und überfordert mit unseren Lebenssituationen. Was uns beherrschte, war Angst. Angst wieder alles zu verlieren. Angst sich gegenseitig zu verletzen. Angst, dass das mit uns nicht funktionieren würde. Angst vor alten Verhaltensmustern. Die ersten Tage waren heftig, denn Tom war in den letzten Monaten zu einer meiner wichtigsten Bezugspersonen geworden. Es tat weh und ich weinte viel. Ich vermisste ihn und ich wusste nicht, ob er noch Bestandteil meines Lebens bleiben würde.

Aber ich musste Prioritäten setzen und das war im Nachhinein die beste Entscheidung, die wir in dieser Situation hätten treffen können.

Ich konzentrierte mich ganz darauf, die Baustellen in meinem Leben anzugehen. Mit allen Konsequenzen. Ich musste mich öffnen und mir Hilfe für mein Kind suchen. In dieser Woche geschah so unglaublich viel, dass mich persönlich so viel weitergebracht hat und wieder einmal bin ich dankbar für jeden Schmerz.

Tom konnte mir nicht helfen und es war auch gut so, dass er es nicht tat. Zu sehr ist er in sein altes Leben verstrickt und muss bei sich anfangen. Insgeheim hoffte ich natürlich, dass er mich aus meiner Situation retten würde, auch wenn es nur ein kleiner Funke in meinem Kopf war.

Ich beschloss erst einmal für mein Kind da zu sein- Spielte und kuschelte viel mit ihm. Ich hatte mich mit meinem Mann darauf geeinigt, dass er mindestens vier Tage in der Woche beruflich unterwegs ist, damit wir alle Luft hatten durchzuatmen. Mein großes Kind blühte wieder auf, in der Schule normalisierte es sich wieder. Nur wenn mein Mann zurückkam, spürte ich bei den Kindern die Anspannung und auch bei mir. Und etwas passierte noch, ich veränderte mich.

Ausschlaggebend war dafür ein Buch, dass mir eine Freundin bereits schon vor Monaten gegeben hatte. Da Selbstmitleid nicht das Mittel meiner Wahl ist, begann ich wieder zu lesen. In diesem Buch stand jetzt nicht so unwahrscheinlich viel Neues, es ist ein Eheratgeber, aber er sprach mich an und entlockte mir eine Erkenntnis nach der anderen. Es brachte mich nämlich zu mir selbst, da wo ich bisher nie wirklich angekommen war.

Die Fluchten zu Tom hatten mir eine Möglichkeit gegeben, von außen auf meine Lebenssituation zu schauen. Wenn wir etwas länger Zeit miteinander verbrachten, wollte ich nicht mehr nach Hause und er auch nicht. Zuhause angekommen musste ich oft weinen. Es zeigte mir, dass ich mir viel zu wenig Abstand genommen hatte und mein Leben der letzten Jahre detailliert zu verstehen. Ich kann nur jedem in einer Beziehung oder Ehe dazu raten, hin und wieder Abstand zu nehmen. Und dieser Abstand sollte mit Ruhe und Alleinsein verbunden sein. Durch dieses tägliche Hamsterrad verpassen wir es auf uns zu schauen.

In den letzten Wochen verbrachte ich sehr viel Zeit allein und in Stille, so wie es eben geht. Am Anfang war das sehr anstrengend und ich suchte mir immer wieder irgendeine Art von Ablenkung. Denn dieses zur Ruhe kommen ist mit Schmerzen verbunden.

In diesem Buch stand, man solle in sich hineinschauen und sich fragen, woher die Ängste kommen, die in uns sind.

Das gelang mir ziemlich gut. Ich fand eine Erklärung dafür, warum es mir so schwer fiel mich zu trennen, warum ich Verlustängste hatte und woher sie kamen. Insgesamt haben alle Antworten eine Gemeinsamkeit, ich muss lernen mich selbst anzunehmen, wie ich bin und ich muss lernen allein glücklich zu sein. Das ist besonders schwierig, wenn man seit vielen Jahren stets darum bemüht ist, andere glücklich zu machen. So funktioniert es aber eben nicht. Je mehr ich mich diesem Schmerz aussetzte und mich durchleuchtete, desto besser erging es mir. In den ersten Tagen wurde mein Herz gefühlt riesengroß. Jede Angst die ich bearbeitet hatte, führte zu mehr Freiheit. Automatisch verlor die Liebe zu Tom diesen Zwang und Druck. Ich hatte das Gefühl ihn auf eine andere Art und Weise zu lieben. Was ich nun spüre, ist Verbundenheit und Dankbarkeit.

Zum Beispiel hatte ich immer eine enorme Angst davor mit den Kinder vollständig allein zu sein. Zu groß war die Angst es würde mich zu sehr stressen und ich könnte wieder krank werden.

Nachdem mein Mann einen Großteil der Woche unterwegs ist, stemme ich die gesamte Woche mit den Kindern allein. Ich arbeite aus finanziellen Gründen in einer Dreiviertelstelle.

Ich stellte mich dieser Angst. Erst im Kopf und dann in der Realität. Das überraschende, es läuft und zwar besser als mit meinem Mann. Ich habe Energie und gestalte die Dinge so, wie ich sie gerne möchte und nicht wie andere es wollen. Ich habe meine Mutterrolle jetzt ganz freiwillig angenommen – ohne Zwang und Druck und es war gut, dass ich mir Freiräume eingeräumt habe und sie mir weiterhin nehme.

Eure Lou

Teil 1-5 könnt ihr hier lesen.

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