Blogparade – Meine eigene Kindergartenzeit in der DDR

(Achtung Triggerwarnung)

Andrea von Runzelfüßchen ruft zu Blogparade auf, wie wir unsere eigene Kindergartenzeit erlebten. Ich habe auch schöne Erinnerungen, aber leider auch sehr einprägsame, die ich heute, mit meinem Wissen, schrecklich finde.

Ich bin 32 Jahre alt und war ein Kind, welches in Ostdeutschland in den Kindergarten ging.

Meine Mama brachte mich mit einem halben Jahr eine Woche in die Krippe, bis ein neues Gesetz kam und Lehrer*innen ihre Kinder doch ein Jahr zuhause lassen durften. Sie sagte mir, dass ich jeden Morgen weinte und sie auch, während sie mit der Schwalbe zur Schule fuhr. Sie höre mich bis vor die Tür schreien. Wir weinten also beide. Eingewöhnt wurde ich, aber leider wohl zu kurz.

Jedenfalls war ich dort eine Woche und dann durfte ich doch noch ein halbes Jahr bei meiner Mama bleiben.

Sie selbst wurde mit 8 Wochen in die Krippe gebracht. Wir reden oft darüber, meine Mama und ich. Ihr könnt euch vorstellen, dass es keine Gespräche der größten Freuden sind.

Nun gut! Ich war also ein Kind, dass die letzten DDR-Jahre im Kindergarten verbrachte mit einer Oma, die selbständig war und von zuhause aus arbeitete. Ich war also viel bei ihr, wenn ihre Zeit es zuließ. Ich sah ihr zu, wenn sie schneiderte und sortierte Köpfe nach Farben oder brachte mir das zählen bei. Ich liebte diese Knöpfe, das Schneidern von ihr und die Menschen, die jeden Tag in ihre Stube kamen. Ich hatte dadurch guten Kontakt zu vielen Menschen im Dorf.

In der Kita war ich nicht gern. Ich habe noch so einige Erinnerungen an diese Zeit. Wie gesagt, es gab auch gute Erinnerungen, aber die schlechten tuen bis heute weh.

Ich erinnere mich auch an die jungen und lieben Kindergärtnerinnen, aber diese waren irgendwie nicht bei mir. Heute weiß ich warum, denn ihre Kinder sind so alt wie ich und sie waren einfach auch in ihren Elternzeiten. Meine Schwester ist jünger als ich und wurde von diesen Frauen begleitet und hat ganz wunderschöne Erinnerungen an ihre Kindergärtnerinnen. Diese sind auch jetzt noch vor Ort tätig und haben das Herz definitiv am rechten Fleck. Es ist jetzt ein richtig schöner Kindergarten.

Ich hatte damals leider eine biestige Kindergärtnerin im mittleren Alter. Sie war herrisch und in meiner Erinnerung lachte sie nie. Ich habe mir so oft gewünscht, dass Oma Erika mich abholt und wir zusammen den Tag verbringen. Mittagskind wollte ich immer sein. Meine Oma hat Kinder niemals angeschrien oder war böse zu ihnen. Als ich Erwachsen war sagte sie mir: „Man darf Kinder niemals anscheien, denn das verkraften ihre Seelen nicht so gut.“

Zurück zur Kita. Die biestige Frau verpasste mir jedenfalls ein ordentliches Trauma. Ich erinnere mich oft und gut an diese Situation. Ich redete als Kind schon gern und viel und hatte es oft schwer, in den Mittagsschlaf zu finden. Um an mir ein Exempel zu statuieren, musste ich, weil ich redete, in der Mittagsschlafzeit barfuß auf dem Steinboden neben meinem Bett stehen, während mich die gesamte Kindergruppe ansah oder um mich herum einschlief. Diese Situation hat sich in meinen Kopf gebrannt. Aufessen musste ich auch immer, gemaßregelt wurde ich und an eine liebevolle Begleitung erinnere ich mich nicht. Ich bin sehr sensibel und mich vor z.B. anderen vorzuführen oder das Übertreten meiner persönlichen Grenzen zu erzwingen, ist eine Qual für mich. Ich mag es respektvoll und achtsam und das schon als Kind.

Meine Schwester aß als Kind sehr langsam. Sie musste bei einer Kindergärtnerin immer sitzen bleiben, bis sie alles aufgegessen hatte. Ich musste dann an ihr vorbei gehen, um in den Waschraum (ich glaube es war der Waschraum) zu gelangen, während sie allein am Tisch saß und saß und saß, bis ihr Teller leer war (als erzieherische Methode vermute ich mal). Am liebsten hätte ich sie hochgezogen und mitgenommen, doch das traute ich mir nicht. Mein schlechtes Gewissen war aber riesengroß, dass ich meiner kleinen Schwester nicht geholfen habe. Kleine Soldaten und Soldatinnen heranziehen, die massenkonform sind und spuren, wenn z.B. Erwachsene reden, das konnte die DDR.

Aber auch andere Kinder hatten es schwer. Wir hatten ein Kind in der Gruppe, welches im Schlaf seine Ausscheidungen nicht kontrollieren konnte. Statt dieses Kind zu integrieren, wurde es vor der gesamten Gruppe vorgeführt. Es wurde laut vor dem Kind gesagt, dass wenn man in der Mittagszeit nicht ruhig sei, dass man dann neben diesem Kind schlafen musste. Sauber gemacht wurde das Kind in meiner Erinnerung dann auch nicht, sondern erst, wenn wir alle wieder aufstanden. Mir tat das damals schon unendlich leid, aber ich hatte nicht den Mut etwas zu sagen. Niemand wollte mit diesem Kind spielen oder daneben schlafen. Oft hat der Raum dann gerochen, wenn Mittagsschlafzeit war. Das ist einfach nur furchtbar. Die Kindergärtnerinnen haben das Kind als Druckmittel genutzt, damit wir über die Mittagsschlafzeit ruhig waren.

Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, kullern mir Tränen über die Wangen, weil mir das alles so leid tut. Fütterungen, Bloßstellungen, Maßregelungen, Misshandlungen – Machtausübungen an Kindern – Macht des Gehorsams!

Wenn ich heute Menschen sagen höre „Das hat uns auch nicht geschadet“ oder „Ein Klaps ist kein Schlag.“ oder „Iss auf, so lange du deine Füße unter diesem Tisch hast.“, dann kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es schadet. Es schadet sogar sehr. Mir persönlich hat schon die Bloßstellung gereicht, um emotional angegriffen zu sein und mich mein Leben lang damit herumzuschlagen. Wie muss sich nur dieses arme Kind gefühlt haben, was konsequent misshandelt und gedemütigt wurde?

Wir haben 2018. Es ist mir ein Anliegen, euch davon zu erzählen, denn ich möchte von Herzen, dass unseren Kindern solche Dinge nicht mehr passieren. Das wünsche ich mir wirklich sehr. Jede*r Erwachsene hat die Pflicht unsere Kinder zu schützen! Unsere Gesellschaft hat umgedacht und muss weiter umdenken, damit unsere Kinder gewaltfrei aufwachsen dürfen.

Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh’n.
Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh’n.
Darf man nie verbinden, könn’n sie nichts versteh’n.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zuviel.

(Bettina Wegner, 1976, Liedermacherin in der DDR Das Lied findet ihr in diesem Link)

Eure Leen

Danke Mama, dass du dich für mich eingesetzt hast und zu der Kindergärtnerin gegangen bist, nachdem ich es dir erzählt hatte. Danke, dass du dich als „brave DDR-Bürgerin“ getraut hast. Danach war mit dem Bettstehen Schluss. Du hast dich für meine Rechte stark gemacht und das ist bis heute sehr wichtig für mich. Ich hab dich lieb!

21 Kommentare zu “Blogparade – Meine eigene Kindergartenzeit in der DDR

  1. Ach Lesen,

    auch ich bin ein Kind der DDR und bin genau zur Wende 1990 eingeschult worden.
    Meine Erinnerungen an den Kindergarten sind auch nicht sonderlich schön. Klar, so zwischendurch ploppen auch mal schöne Erinnerungen hoch, aber so einige sind bis heute schmerzhaft.

    So kann ich mich um z.B. daran erinnern, dass ich ganze Nachmittage am Tisch vor meinem Teller sitzen bleiben musste, weil ich noch nicht aufgegessen hatte… Alle anderen Kinder durften spielen und fröhlich sein, nur ich nicht. Oder ein anderes Kind. Irgendein Kind saß gefühlt immer noch Ewigkeiten am Tisch. Und wenn die Eltern Nähten, durften wir doch schnell noch aufstehen…

    Und doch, es hat geschadet. Die Versuche, alles in mich hinein zu zwingen, rufen bis heute Ekel in mir hervor. Bis heute habe ich Angst, ausgegrenzt zu werden in Gruppen. Und noch immer erinnere ich mich an dieses Gefühl der Einsamkeit und des ungenügend Sein.

    Lieben Gruß
    Jessi

    • Ach Jessi,
      ich glaube es geht vielen von uns so. Es ist wirklich traurig. Ich freue mich dafür umso mehr, wenn unsere Kinder dieses ganze Spektakel umgehen können. Danke für deine Rückmeldung. Ich schicke dir ganz liebe Grüße!

      • Und natürlich hatte meine Autokorrektur ausgerechnet deinen Namen umgewandelt

        Ganz liebe Grüße zurück an dich Leen!

        • Das passiert! Hab ich einfach überlesen und mich über deinen Kommentar gefreut. Danke nochmal. Liebe Grüße

  2. Ich erinnere mich an ähnliches in West Berlin. Zum Essen gezwungen werden, Mittagsschlaf halten und im nassen liegenbleiben müssen, die anderen Kinder wurden dazu angehalten mich auszulassen, weil ich eingepullert habe… Ne, schön war anders…

    Meine Schwiegermutter erzählt mir ähnliches, wenn sie von der Kitazeit meines Gatten erzählt.. War ja nur einen „Steinwurf“ von dir entfernt und meine Mann ist ja genauso alt wie du.

    Lieben Gruß

    • Ich kenne auch von Freund*innen solche Geschichten. Es war echt scheiße, was da so alles ablief. Wir können es nur besser machen. Das steht fest. Für unsere Kinder.

  3. Hallo Leen,
    ich bin gerade sehr erschrocken über deine Erinnerungen an die Kindergartenzeit.
    Ich kann mich an so etwas Negatives gar nicht erinnern – dabei sind wir doch in die gleiche Einrichtung gegangen und quasi auch zur gleichen Zeit.
    Hab ich solche Methoden nicht am eigenen Leib erfahren müssen und kann mich deshalb nicht erinnern? Hab ich es verdrängt? Letzteres glaube ich eigentlich nicht, denn ich bin wie du der Meinung, dass sich sowas in die Kinderseelen einbrennt und immer wieder hoch kommt.
    Ich für meinen Teil hab wirklich schöne Erinnerungen an die Zeit und deine Zeilen haben mich nachdenklich und traurig gemacht.

    • Hallo! Ich weiß es nicht, ob du es verdrängt hast oder alles schön war. Es kommt ja auch immer darauf an, von wem man begleitet wird. Liebe Grüße

  4. Ich bin ein Jahr jünger und auch in der DDR noch eine Zeit lang in den Kindergarten gegangen. Aber ich habe keine einzige Erinnerung an diese Zeit, weder gute noch schlechte…
    Die ersten Erinnerungen habe ich an die Vorschule, das war dann aber in Westberlin nach dem Mauerfall.

  5. Danke für’s Aufschreiben! Ich denke auch, dass solche Methoden damals gang und gäbe waren. Ich bin 10 Jahre älter, habe aber so gut wie keine Erinnerungen an meine Kindergartenzeit in der DDR. Weder positive noch negative. Da ich zwar ein sensibles, aber auch angepasstes und funktionierendes Kind war, vermute ich, dass ich vieles über mich ergehen ließ. Ich hoffe, noch mehr Erinnerungsberichte im Rahmen der Blogparade zu lesen, damit ich sozusagen ein Stück meiner Kindheit rekonstruieren kann.

    Eine Frage noch: haben Dich diese Erlebnisse nicht davon abgeschreckt, selbst Kindergärtnerin zu werden?
    Liebe Grüße!

    • Ja, das hoffe ich auch! Ich wollte schon immer mit Kindern arbeiten. Ich war aber nur im Kindergarten während des Studiums. Also ich arbeitete 30 Stunden und ging Vollzeit studieren. Ich war viele Jahre im Kinderheim. Das war mein Traumberuf. Ich musste neben dem Bett stehen und habe auch noch einige Erfahrungen aus der Kita gespeichert. Aber ich fand es damals fast noch schlimmer, wie es diesem Kind ging. Ich will/wollte es einfach besser machen. Vielleicht deshalb.

  6. Ich habe in meiner DDR Kita ähnliches erlebt. Aufessen, auch wenn man nicht mehr kann oder sich ekelt, in der Ecke stehen (alle Kinder singen dann „schäm dich, schäm dich, alle Leute sehen dich“), biestige Erzieherinnen, nichts liebevolles… schlimm …

    • Ich habe Gänsehaut. Genau von solchem Lied erzählte mir ein Freund*in aus dem Ort, in dem ich jetzt wohne. Eingepullert und alle Kinder stellten sich um das Kind, zeigten mit dem Finger auf dieses und begannen mit der Kindergärtnerin im Chor zu singen. Solche Dinge trägt man sein Leben lang mit sich. Wir armen Kinder, wir. Ich betrauere uns alle!

  7. Hallo Leen,
    schreckliche Erinnerungen! Ich bin auch in der DDR geboren (1985) und war da auch noch in Krippe und Kindergarten. Allerdings habe ich so gut wie keine Erinnerungen daran, nur ab die Gebäude. Aber die standen auch noch einige Jahre nach meiner Zeit. Ich weiß, dass meine Kindergärtnerin gut war, sie treff ich ab und an, wenn wir mal zu Hause sind. Ich überlege mittlerweile oft, woran das wohl liegt und was ich da verdränge. Auch wenn ich schon eine Therapie hinter mir habe, hat sich da keine Erinnerung eingestellt.
    Mein Mann hingegen (aufgewachsen in der BRD) hat schöne Erinnerungen und war anfangs sehr überrascht, dass ich unseren Lütten nicht in Krippe und Kita bringen will. Aber mittlerweile ist auch er überzeugt. Das liegt wohl ein Stück auch an meinen negativen bzw nicht vorhandenen Erinnerungen, dass wir unsere Kinder zuhause betreuen wollen.
    Und Missbrauch, körperlich und emotional, schadet immer!
    LG Claudia

    • Danke für deine Rückmeldung, Claudia. Das haben ganz viele Menschen geschrieben! Sie erinnern sich einfach an nichts mehr. Liebe Grüße und alles Gute für euch!

  8. Ich bin gerade auf Deinen Blog gestossen und dieser Artikel weckt auch bei mir leider nur negative Erinnerungen an meine Kindergarten- und Hortzeit.
    Ich bin 1979 in der DDR geboren. Ich habe 3 ältere Geschwister die nicht im Kindergarten waren und worum ich sie insgeheim beneide.
    Da meine Mama 1 Jahr nach meiner Geburt gern wieder arbeiten gehen wollte, gab sie mich in die Krippe. Daran habe ich keine Erinnerungen aber aus den Erzählungen meiner Eltern und Geschwister muss es keine schöne Zeit gewesen sein. Ich weinte sehr viel, war sehr oft und lange krank (1 Woche Krippe, 2 krank und das ganz oft). Plötzlich hatte ich auch Angst vor weissen Kittel. Die Erzieherinnen dort trugen welche. Meine Eltern erzählten immer, wenn sie mich abholten habe ich furchtbar geweint. Nach einem dreiviertel Jahr entschlossen Meine Eltern mich aus der Krippe zu nehmen, da es mir nicht gut tat. Meine Mama blieb mit mir bis zu meinem 3. Geburtstag zu Hause. Dann kam ich in den Kindergarten. Dort habe ich nur negative Erinnerungen. Biestige Erzieherinnnen, die mich zwangen Essen zu essen, das ich nicht mochte. Einmal gab es Erbsensuppe. Ich ekelte mich vor dieser Suppe. Ich musste diese Suppe aufessen und erbrach mich dabei vor Ekel. Die Erzieherinn schmipfte furchtbar mit mir und ich musste die Sauerei sauber machen. Bis heute wird mir nur beim Gedanken an Erbsensuppe übel. Ein anderes mal habe ich am Tisch eingepullert, weil ich trotz mehrfacher Bitte nicht auf stehen durfte um zur Toilette zu gehen. Es gab noch andere Vorfälle aber diese sind die, die sich ganz fest eingeprägt haben. Geschimpfe, Geschreie und Demütungen der Erzieher waren an der Tagesordnung. Im Hort war es nicht viel besser. Zum Glück musste ich da dann nicht weiter hin, da meine Mama ab der 3. Klasse zu Hause war.
    Meine Eltern wollten mir einen Gefallen tun und dachten ich erlebe tolle Sachen im Kindergarten und lerne viel. Sicher werde ich auch gebastelt, gelacht und fröhlich gespielt haben im Kindergarten aber in meiner Erinnerung sehr selten. Ich sehe mich noch immer weinend am Fenster stehen, wenn mich meine Mama abgegeben hat und wieder gegangen ist.

    • Hallo Nadine! Das tut mir sehr leid für dich! Danke, dass du deine Geschichte hier teilst. Zusammen können wir uns alle etwas halten und gemeinsam verarbeiten und trauern! Liebe Grüße Leen

  9. Liebe Leen,
    mein Mitgefühl hast du auch für deine schreckliche Kindergartenzeit. Schön dass deine Mutter sich.für dich eingesetzt hat. Das hätte ich mir auch in meinem Fall gewünscht, aber ich habe als Kind nie zu Hause davon erzählt, was mir im Kindergarten passierte, da ich das wohl damals für normal hielt und mich selbst durch die Erzieherin als nicht in Ordnung erfahren musste.
    Ich bin 83 geboren und war bis 89 in zwei Kindergärten. Im ersten war es verboten, während der Schlafenszeit auf Klo zu gehen, aber ich musste dennoch immer gehen. So habe ich wiederholt ganz lange Zeit erfahren, dass ich ja nicht in Ordnung sein kann, weil ich es nicht schaffe, mich anzupassen, selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge.
    Im zweiten Kindergarten sollten wir uns während der Schlafenszeit nicht bewegen, das habe ich auch nie geschafft.
    Also ich hatte immer ein schlechtes Gewissen wegen eigener Bedürfnisse, das geht bis heute, fällt mir schwer dazu zu stehen. Bin mein halbes Leben in Therapie und versuche das zu verbessern.

    • Oh je! Das ist es, was ich meine! Der Austausch ist echt wichtig und hilft uns allen, irgendwie. Danke, dass du davon erzählt hast und fühl dich gedrückt, wenn du magst. Ich grüße dich von Herzen.

  10. Liebe Leen,
    es ist, als würdest du über meine Zeit in einem Kindergarten in Potsdam schreiben. Ich bin selbst 32, wurde ’92 dann eingeschult.
    Auch ich erinnere mich sehr gut, barfuß auf den Fliesen gestanden zu haben. Oder ich musste allein in einer Ecke spielen, während die „Erzieherin“ (mittleres Alter, selbst Mutter eines Vorschulkindes, welches echt fies zu anderen Kindern war) den anderen Kindern verbot mit „der“ zu spielen. Im Anschluss erzählte sie dann meinen Eltern in Hörweite, dass ich mich nicht einbringen würde, immer so traurig wirke und mit niemandem spielen wolle. Ich wäre zu dumm für die Schule und sollte lieber noch ein Jahr länger bleiben. Sie haben sich darüber hinweg gesetzt. Mein erstes Zeugnis mit lauter Einser habe ich ihr dann später gezeigt – keine Reaktion.
    Bei mir ist es geblieben, das Gefühl nie gut genug zu sein. Auch wenn ich das heute thematisiere – selbst Mutter eines 2,5jährigen Sohnes – höre ich nur: „Hab‘ dich nicht so – es hat nicht geschadet“ DOCH es hat geschadet. Ich kann mich für meine Bedürfnisse nicht einsetzen, teils sie nicht mal selbst spüren. Besonders heftig ist es, seit ich Mutter bin und lerne, mich zumindest für die Bedürfnisse meines Sohnes einzusetzen. Auch das ist manchmal schwierig. Es hat so sehr geschadet, dass mein Mann (selbst DDR-Kind) unseren Sohn in der KiTa eingewöhnt hat, weil ich nur noch weinen konnte. Ich fühle mich selbst total verunsichert in der „Erziehung“ meines eigenen Kindes, weil ich an manchen Tagen zerfressen bin von Ängsten und Selbstzweifeln, die mich in einem Gefängnis lassen – wie damals im Kindergarten. Aber ich funktioniere.
    Meine schönen Erinnerungen habe ich aus Zeiten, als die Gruppe aufgrund von Krankheit aufgeteilt wurde. Die anderen Erzieherinnen waren liebevoller, da war ich ein ganz anderes Kind. Einmal wurde ich zu spät gebracht, alle standen schon in Reihe, um in den Hof zu gehen und ich wurde gemaßregelt, da kam mein Papa und verteidigte mich. Das Gefühl ist heute noch sehr mächtig. Als meine Mama sah, dass ich barfuß auf den Fliesen stand, wurde sie richtig wütend. Aber das hat doch alles nur schlimmer gemacht, seitdem hatte mich die Erzieherin nur noch mehr auf dem Kieker.

    Ich arbeite am Happy End – aber es ist hart!

    Fühlt euch alle verstanden von mir. Es hilft, zu wissen, nicht allein mit diesen Dingen zu sein.

    • Wie berührend. Das tut mir so leid für dich und ich finde dich super stark, dass du die Gefühle fühlst und nicht wegschiebst und daran wächst. Alles Gute und fühl dich gedrückt, unbekannter Weise. Liebe Grüße Leen

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