Kevin allein Zuhaus – die vorweihnachtliche Erziehungsfalle aus den 90igern!

Kevin allein Zuhaus!!!Die vorweihnachtliche Erziehungsfalle aus den 90igern! Impulsgebloggt und raus!

Anfangszene im Haus, die mich nur noch auf den Bildschirm starren lässt:

{Pizzabote kommt: Pizza wird bezahlt, alle essen und Kevin kommt etwas später dazu. Kevin möchte eine Pizza mit „nur Käse“, wie er sie wahrscheinlich immer isst.}

Kevin: Habt ihr mir keine bestellt mit „nur Käse“?

Bruder: Wenn du eine willst, musst du warten, bis sie dir einer wieder ausspuckt. Sie ist schon weg! {Kevins Bruder spuckt ihm die Pizza vor die Füße.}

{Kevin wird so wütend, dass er seinen großen Bruder umrennt und sich auf ihn stürzt. Sie rangeln sich und alle Familienmitglieder springen mit auf.}

Kevin ruft: Warum habt ihr mir nichts übrig gelassen!?

Mutter ruft: Hör auf, Schluss jetzt!

Kevin: Er hat angefangen. Er hat meine Pizza genommen. Er weiß genau, dass ich keine Oliven mag.

Onkel ruft zu Kevin: Sie was du angerichtet hast, du kleiner Idiot.

{Alle aus der Familie gucken Kevin vorwurfsvoll an.}

Mama: Kevin geh sofort nach oben!

Kevin: Wieso?

Bruder: Kevin, du bist eine echte Krankheit.

Kevin: Halt die Klappe.

Vater: Kevin nach oben!

Mama: Sag „gute Nacht“, Kevin.

Chor der Geschwister: Sag „gute Nacht“, Kevin.

Kevin ruft: Warum behandelt ihr mich wie den letzten Dreck?

{Mama spricht nur mit dem Pizzaboten und ignoriert die Frage von Kevin.}

Kevin: Warum gab es nicht mehr Käsepizzas?

{Niemand antwortet ihm. Kevin wird ignoriert! Mutter redet mit dem Pizzaboten und „Polizisten“}

Mama: Es sind 15 Menschen hier im Haus und du bist der einzige, der Ärger machen muss.

{Sie zieht ihn am Arm die Treppe herauf}

Kevin: Ich bin der einzige, auf dem immer alle herumhacken müssen.

Mama: Du bist der einzige, der hier immer verrückt spielt. Geh nach oben!

Kevin: Ich bin oben, du blöde Kuh!

Mama: {guckt ihn starr an}

Kevin: In den 3. Stock? Da ist es gruselig da oben.

Mama: Sei bloß nicht albern! Dein Cousin Fuller kommt noch hinterher.

Kevin: Ich will nicht mit Fuller zusammen schlafen. Der macht noch ins Bett.

Mama: Fein, dann bringen wir ihn woanders unter.

Kevin: Es tut mir leid!

Mama: Es ist zu spät. Geh nach oben!

Kevin: {geht hoch} Einfach jeder in dieser Familie hasst mich.

Mama: Dann wünsch dir doch vom Nicolaus eine neue Familie.

Kevin: Ich will keine neue Familie, ich will gar keine Familie. Familie ist scheiße.

Mama: Du gehst da rauf und ich will dich den Rest des Abends nicht mehr sehen.

Kevin: Ich will dich auch nicht mehr sehen, für den Rest meines Lebens. Und von den anderen will ich auch keinen mehr sehen.

Mama: Ich hoffe du meinst das nicht ernst. Du wärst ganz schön traurig, wenn du morgen früh aufwachst und du hättest keine Familie mehr.

Kevin: Nein, wäre ich nicht.

Mama: Dann sag es nochmal, vielleicht passiert es!

Kevin {ruft}: Hoffentlich sehe ich nie wieder einen von euch Idioten.

— Mama schließt die Bodentür. Es beginnt leise Weihnachtsmusik im Hintergrund und Kevin liegt allein auf dem Bett oben im Dachbodenzimmer und wünscht sich, dass alle verschwinden.

Cut: nächster Morgen!

Die Familie verschläft, alle packen und verlassen das Haus, Kevin wird vergessen.

Beim Durchzählen muss die Schwester zählen und sagt der Mama, dass alle da seien. Die Kinder fliegen 2. Klasse, während die Eltern es sich in der ersten Klasse gut gehen lassen. Im Flieger realisieren die Eltern, dass sie Kevin zuhause vergessen haben.

Kevin irrt währenddessen durchs Haus und sucht seine Eltern und Geschwister und schiebt im Keller erst mal Panikanfälle und hat Angst vor dem Ofen.

Dann realisiert er die Situation und beginnt den Tag zuhause „zu genießen“ und den Rest kennt ihr ja alle vom Film.

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Ich sitze auf dem Sofa und bitte meinen Mann, zurückzuspulen, damit ich das für euch aufschreiben kann, weil ich heute fassungslos bin. Ich sehe den Film zum 1. Mal seit ich Mama bin ( und meine Kinder werden ja bindungs- und beziehungsorientiert begleitet).

Ich erinnere mich an einen Weihnachtsfilm und auch an einen Streit am Anfang des Filmes, aber wie ernsthaft dieser Streit ist, wird mir erst jetzt so richtig bewusst. Ich gucke mit einem ganz anderen Blick auf diesen Streit und die Beziehung zwischen Mama und Kind. Ich gucke mit einem geschärften Auge den Film, weil ich mich verändert habe, weil ich noch viel feiner für solche Worte geworden bin.

Kevin und seine Mama streiten sich wirklich heftig. Ich sehe zwei wütende Kinder, Kevin auf der einen Seite und seine Mama auf der anderen mit ihrem inneren verletzten Kind in der Hauptrolle. Sie ist komplett gefangen und mit Kevin im Erziehungsmodus, während sie die Beziehungsebene zu ihrem Sohn komplett verlassen hat.

Nein, Kevin ist kein „ungezogenes Kind“. Kevin ist ein wundervoller und liebenswerter Junge, der aufgeweckt und toll ist.

Stellt es euch einmal vor und versetzt euch in die Rolle von Kevin. Hier kann man so sehr sehen, was es heißt, die Beziehung zum Kind zu verlieren und in die Erziehungsfalle zu treten. Jedes einzelne Wort in der Diskussion zwischen Kevin und seiner Mama schlägt uns böse ins Gesicht und schmerzt beim Lesen und trifft mich voll im Gefühl.

Ich habe versucht euch den Gesprächsverlauf halbwegs zu dokumentieren, damit ihr mal so richtig in dieses Gespräch hineinfühlen könnt. Mir persönlich schmerzt jedes Wort in der Seele, wirklich wirklich. Wie geht es euch da?

Ein Film aus dem Jahr 1990 und in der Hauptrolle ein 8 Jahre altes Kind. 28 Jahre später diskutieren wir immernoch über solche Themen und das Recht von Kindern auf eine gleichwürdige Behandlung. Mir hat diese Szene nochmal sowas von meine Augen geöffnet und den Blick geschärft, dass ich das unbedingt mit euch teilen möchte. Ich danke Kevin und seiner Mama nochmal für diese klare Szene und dafür, wie ich niemals sein will. Ein guter Spiegel, ich sage es euch!

Lasst uns gemeinsam achtsamer und wertschätzender mit unseren Kindern sein und besonders im normalen Alltag und nicht erst, wenn die ersten Katastrophen schon geschahen oder sich anbahnen.

Allen eine besinnliche und achtsame Vorweihnachtszeit ❤️

Eure Leen

3 Kommentare zu “Kevin allein Zuhaus – die vorweihnachtliche Erziehungsfalle aus den 90igern!

  1. Wow, den hatte ich zuletzt auch als Kind gesehen und konnte mich an den Anfang nicht mehr wirklich erinnern. Berührt mich das so zu lesen. Vielen Dank fürs Aufzeigen und Bewusstmachen, der Film kommt sicher heuer wieder im TV, dann seh ich ihn mit anderen Augen. Und trotz der vielen online Hilfen zu Advent und Familie und Achtsamkeit, es wird keine entspannte Adventszeit, in jedem Jahr ist zuviel unvermeidbar.

  2. Liebe Leen,

    danke für deinen nett geschriebenen Text, jedoch sind mir Zitierfehler aufgefallen. Gerne würde ich dir helfen diese in Zukunft abzustellen.

    Meines Erachtens war Kevin nicht zu spät beim Essen, sondern die komplette Familie zu früh. Dieses Problem kann durch klare Regeln und feste Zeiten umgegangen werden.

    Liebe Grüße
    Jonas

    • Hallo Jonas. Im Text steht: „Kevin kommt etwas später dazu“ – Das ist nochmal etwas anderes als: „Kevin ist zu spät beim Essen.“ Am Anfang beschreibe ich, was ich sehe und zitiere nicht. Die Zitate sind in „“! Danke, es war sicher nett gemeint, aber der Satz ist in deiner Beschreibung einfach anders, als er von mir geschrieben steht und „im Zukunft abzustellen“ finde ich auch etwas grenzwertig und nicht sehr positiv formuliert. Bis dahin Leen

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